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Aktuelles

Das Einleitungswort von Mojmír Jeřábek

Sehr geehrte Besucherinnen und Besucher des Tschechischen Zentrums Wien, liebe Freunde der tschechischen Kultur!

Mai – in der tschechischen Rechtschreibung máj - ist bei den Tschechen nicht nur die ältere und heute als romantisch verstandene Benennung des fünften Monats, sondern gleichzeitig  auch einer der größten und bedeutendsten Gedichte in tschechischer Sprache, ein romantisches Epos von Karel Hynek Mácha aus dem Jahre 1836.

Mit máj ist es kompliziert: Offiziell heißt der Monat im tschechischen Kalender květen. Das Wort kommt vom Zeitwort kvést (blühen) und wurde von Josef Jungmann, unserem wichtigsten Lexikologen Anfang des 19. Jahrhunderts in die moderne Schriftsprache künstlich eingeführt. Vielleicht als poetische Übersetzung aus dem französischen lune des fleurs, vielleicht unter dem Einfluss des polnischen kwiecień, was allerdings nicht mehr Mai bedeutet – sondern April! In den letzten Jahren muss ich den Polen jeden Frühling meine Zustimmung erteilen: In voller Blüte zeigt sich die Natur - wenn nicht schon im März, dann eben bereits im April! Und das berüchtigte Aprilwetter - aprílové počasí - kommt vielmehr Mitte Mai, mit den Eisheiligen, die wir zmrzlí muži (erfrorene Männer) nennen.

Aber zurück zu Mácha und seinem Máj. Auch dank ihm wurde máj bei uns zum Synonym für den Liebesmonat, obwohl Mácha eigentlich eine Kriminalgeschichte erzählt… Seine Verse stehen am Anfang der modernen tschechischen Literatur. Typisch jedoch: die erste Ausgabe – vom Autor voll finanziert, also eine Art „Ur-Samisdat“ – wurde von der Kritik ausgelacht. Mácha stirbt im selben Jahr (nicht einmal 27 Jahre alt!). Erst fast einhundert Jahre danach wurde er definitiv zum unbestrittenen König auf unserem literarischen Parnass gekrönt.

Aber sein Máj blieb trotzdem vor allem uns Tschechen zugänglich, weil das Epos als unübersetzbar gegolten hat. In Wien entstand nun der historisch zweite Versuch, Máj ins Deutsche zu übertragen! Der Autor Ondřej Cikán wird auf unserer Webseite am 9. Mai seine Arbeit präsentieren. Sehr spannend!   

Und was Ihnen unser Team via Internet in diesem Monat noch anbietet?

Jeden Dienstag werden unter dem Titel Dienstags-Talk mit Mojmír zu mir und zu Ihnen interessante Gäste eingeladen, um über Kultur in diesen besonderen Zeiten und was kommt danach nachzudenken. Ich freue mich ganz besonders, den erfolgreichsten deutsch-tschechischen Autor der letzten Jahrzehnte Jaroslav Rudiš bei diesem Gespräch begrüßen zu dürfen!

Wir sind guter Hoffnung, dass unsere Galerie in der Herrengasse 17 Anfang Juni für Sie und alle Besucher wiedereröffnet werden kann. Bis dahin wird – hoffentlich bald – eine virtuelle Führung durch die Ausstellung UNES-CO der derzeit wohl bekanntesten tschechischen Künstlerin Kateřina Šedá ermöglicht werden. Wir halten Sie natürlich auf unserer Webseite und den sozialen Netzwerken darüber und über interessante Tipps aus der tschechischen Szene auf dem Laufenden.

Bis wir wieder zu einem normalen Betrieb übergehen können und den persönlichen Begegnungen in der Herrengasse 17 nichts mehr im Wege steht, wünsche ich Ihnen vor allem feste Gesundheit und viel Optimismus!

Für das Team des Tschechischen Zentrums Wien

Ihr Mojmír Jeřábek, Direktor